Die Bedeutung einer individuellen Innenarchitektur für die Apotheke – Interview mit Klaus Bürger

APOTHEKEN · MARKETING

Klaus Richard Bürger besuchte nach seiner Kunsttischlerlehre die Werkkunstschule Krefeld. Anschließend studierte er Innenarchitektur sowie Philosophie und Germanistik. Sein Büro für Innenarchitektur und Design betreibt er seit 1981 und betreute mit seinem Team unter anderem zahlreiche Apotheken. Seitdem erhielt er verschiedene Design- und Innenarchitekturpreise. Im Interview sprechen wir mit ihm über seine Erfahrungen sowie darüber, warum eine individuelle Innenarchitektur auch für die Vor-Ort-Apotheke sehr bedeutend ist und welche Aspekte bei seiner Arbeit besonders wichtig sind.

Warum ist eine durchdachte, individuelle Innenarchitektur wichtig für die Apotheke?

Unsere Arbeit richtet sich an die Apotheker, die mehr wollen, die sich mit ihrer gesamten Identität und ihren Ansprüchen vom üblichen Mainstream absetzen wollen und nach diesem Quäntchen Mehr streben. Dieses „Feuer“ zu bedienen und daraus einen Ort des täglichen Wirkens zu gestalten, der eine gute Energie hat, ist unsere Aufgabe. Kunden sollen die Apotheke betreten und denken: „Hier ist es schön, unkompliziert und es herrscht ein tolles Klima – optisch wie auch emotional.“ Um das zu erreichen, müssen wir die Räume durchdenken und analysieren, was man aus der vorhandenen Basisarchitektur herausholen kann. Dabei spielen natürlich der Apotheker und sein Umfeld eine große Rolle. Unsere Arbeit ist mit dem Schneidern eines Anzugs vergleichbar: Es gibt verschiedene Ideen und Ansätze und mit jeder „Anprobe“ wird das Projekt gemeinsam weiterentwickelt. Schließlich gelangt man zu einem Ergebnis, das sich so selbstverständlich anfühlt, als sei es Teil von einem selbst. Dieser Schaffensprozess macht ungeheuer viel Freude. Wichtig ist, alles von Beginn an gut zu durchdenken – Ästhetik und Logik müssen eine Einheit bilden. In diesem Zusammenhang spielt auch die visuelle Verfallszeit eine zentrale Rolle. Das heißt, die Apotheke, die aktuell geplant wird, soll in die Zukunft wachsen und nicht mit der letzten Finanzierungsrate ein klappriges, unansehnliches Ding sein. So kommt es, dass auch Projekte, die wir vor 35 Jahren begleitet haben, heute noch überzeugen.

Was sind die drei wichtigsten Aspekte, die Sie bei der Konzeption berücksichtigen?

Eigentlich kann man keine Aspekte auslassen, bei der Konzeption handelt es sich um einen funktionierenden Organismus. Die Komplexität der Apotheke darf nicht sichtbar sein. Die Logik des Projekts spielt wie bereits erwähnt eine besonders große Rolle. Aber auch die Materialsprache ist sehr wichtig. Ein weiterer Aspekt ist das Licht: Gutes Licht ist genauso wichtig wie der Schatten. Wie sind die Waren und Arbeitsbereiche ausgeleuchtet? Wie ist die Gesamtkonzeption des Lichts? In die Lichtplanung fließt viel Mühe. Die Kernfrage bei allem ist: Wie mache ich positive, liebevolle und lebensfreundliche Kommunikation möglich?

Wie kommen Sie auf Ideen?

Ideen entstehen immer im Dialog. Auf zehn dumme Ideen kommt vielleicht eine gute. In dieser Beziehung gibt es auch keinen Feierabend. Daher habe ich auch immer ein Skizzenbuch in meinem Nachttisch. Die vielen Ideen werden dann auf ihre Sinnhaftigkeit geprüft und wenn nötig verbessert. Das Bauchgefühl spielt hierbei eine ungeheuer große Rolle. Man fühlt es, noch bevor man es weiß, dass man einen Wurf gelandet hat. Wenn man allerdings unsicher ist, muss man weiterarbeiten, bis diese Sicherheit eintritt.

Wie gelingt es Ihnen, einer Apotheke eine eigene Identität zu verleihen?

Wir haben bereits für viele Apotheken gearbeitet. Trotzdem tun wir bei jedem Projekt so, als hätten wir noch nie eine Apotheke entworfen. So ist jedes Projekt vollkommen neu für uns. Wir versuchen so viele Eindrücke wie möglich in uns aufzunehmen: Was ist das für eine Region, Stadt? Was ist hier typisch? Womit identifizieren sich die Menschen? Wie ist das Gebäude? Was ist der Apotheker für ein Mensch? Wie ist sein Team? Diese Eindrücke übersetzen wir in Materie, Farbe und entwickeln so die Basisidee des Apothekers unter Berücksichtigung der gesetzlichen Richtlinien immer weiter. Beispielsweise arbeiten wir momentan an einer Apotheke aus den 50er Jahren. Wir hätten dem Ort seine Identität geraubt, wenn wir hier ein UFO installiert hätten. Den Stil und Teile der alten Einrichtung behielten wir als Basis und überspielten das 50er-Jahre-Feeling in klarer, moderner Form. Salz und Pfeffer, süß und sauer. Wir verändern Dinge, die nicht gebraucht werden, und führen an anderer Stelle das alte Konzept konsequent fort. So nimmt die neue Idee ihren eigenen Raum ein, aber die Zeit, aus der sie gekommen ist, wird respektiert. Architekten arbeiten aus Emotionen heraus, wir müssen die Identität fühlen.

Nutzen Sie spezielle digitale Hilfsmittel zur Umsetzung oder um den Kunden Ideen zu zeigen?

Wir haben spezielle Programme, wie zum Beispiel Allplan. Wir zeichnen über den Computer, entwickeln Details und entwerfen auch in 3D. Um den Kunden eine räumliche Vorstellung zu ermöglichen, werfen wir das digitale Modell mit dem Beamer an eine Wand und gehen dann gemeinsam in der virtuellen Apotheke spazieren. Der nächste Schritt wird ein 3D-Drucker sein, mit dem wir dann kleine Modelle erzeugen werden. Aber manchmal ist es auch einfach nur eine einfache Skizze auf einem altmodischen Stück Papier.

Was bedeutet für Sie Digitalisierung?

Fluch und Segen! Auf der einen Seite lässt sich erheblich präziser arbeiten, Pläne lassen sich leichter verändern und wir können uns mit Kunden und Gewerken über Hunderte von Kilometern in Echtzeit austauschen und sogar online gemeinsam hier im Büro an einem Bildschirm arbeiten und präsentieren. Auf der anderen Seite will dieses Medium beherrscht werden. Wir haben öfters die Erfahrung gemacht, dass z.B. fotorealistische Renderings kontraproduktiv sind, da sie jegliche Fantasie unterbinden.

Wie schätzen Sie das Thema Digitalisierung im Zusammenhang mit den Vor-Ort-Apotheken ein?

Hier ist es ähnlich. Warenwirtschaftssystem, Rabattverträge, Kommissionierautomat etc. Ohne die EDV ist eine Apotheke aufgeschmissen und genau das ist der Fluch. Mal ganz abgesehen davon, dass alle Vorgänge für die Behörden absolut gläsern sind. Umgekehrt haben wir diese Transparenz nicht! Wir arbeiten unter anderem auch mit digitaler Sichtwahl, allerdings muss dabei aufgepasst werden, die Apotheke nicht zu überladen. Hier ist es wichtig, das richtige Maß zu finden. Ich habe so manche Apotheke gesehen, die aussah wie die TV-Abteilung in einem Elektrofachmarkt.

Wo sehen Sie die Zukunft der Vor-Ort-Apotheken?

Das Netz und der Versand sind anonym und herzlos. Unsere Gesellschaft krankt daran, dass alle Bereiche des Lebens und Miteinanders nur noch nach ökonomischem Wert und Nützlichkeit beurteilt werden. Die Menschen, die eine Apotheke brauchen, sind alle mehr oder weniger von körperlichen und/oder seelischen Beschwerden geplagt. Diese Individuen mit weiterer Hässlichkeit zu erniedrigen empfinde ich als entwürdigend. Was kann ein einfaches Lächeln oftmals bewirken? Ein Apothekenteam, das mit Fachwissen, Herz und Aufmerksamkeit neue Hoffnung spendet, ist einer der ersten Schritte zur Heilung. Mit diesem guten Feeling hebt sich die Vor-Ort-Apotheke vom normalen Markt ab. Viele Apotheken sehen gleich aus, sind überladen, wirken kalt und chaotisch. Apothekenkunden brauchen aber Ordnung für eine klare Wahrnehmung. Die Erfahrung zeigt: Gibt es in einer Straße acht Apotheken und eine dieser Apotheken arbeitet an der Verwirklichung dieser Grundgedanken mit einem Architekten zusammen und entwickelt so ein durchdachtes Konzept – dann zieht diese Apotheke die Kunden der anderen Apotheken an. Die Kunden gehen in die kompetentere Apotheke, die anders ist als die anderen und sich vom Markt abhebt. Und genau für diese Apotheken sehe ich gute Chancen in der Zukunft. Eine gute Apotheke, die nah an den Menschen ist, ist erfolgreich.
Diese Planung kostet natürlich Geld, aber mein Team und ich geben uns unglaublich viel Mühe und sind Tag wie Nacht für unsere Kunden da. Diese besondere Form der kommunikativen Qualität führt zu einem besonderen und erfolgreichen Projekt.

Vielen Dank für das Gespräch und den Einblick in Ihre Arbeit!

Infos zu Klaus Bürger, seinem Büro und seinen Projekten findet Ihr auf seiner Website.

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